Einleitung

Die Geophyletik beschäftigt sich mit der artspezifischen Areal- und Evolutionsgeschichte (KINZELBACH 2003). Sie ist ein relativ neuer Zweig in der geographischen Zoologie. Lange Zeit wurde die Veränderlichkeit von Verbreitungsgebieten vernachlässigt, doch im Zuge der Artdefinition wird es dringend notwendig, diese genauer zu untersuchen.
In der Erdgeschichte gibt es viele Beispiele über die Ausbreitung von Arten in neue Areale oder ihre Verdrängung aus angestammten Gebieten. Ursachen können Änderungen der geologischen, physikalischen, chemischen oder klimatischen Faktoren sein. Die Geschichte der Ostsee ist ein Beispiel dafür, dass jeder der genannten Faktoren zeitweise eine maßgebliche Rolle in der Verbreitung der Organismen spielen kann (RHEINHEIMER 1995).
In letzter Zeit sind anthropogene Einflüsse immer häufiger die Ursache für die Ausbreitung von Arten in Gebiete, die ihnen vorher verschlossen waren.

In dieser Arbeit sollte die Dynamik des Auftretens der Beutelmeise, Remiz pendulinus (L. 1758), untersucht werden. Von der Art ist bekannt, dass sich ihr Brutgebiet in den letzten 100 Jahren nach Westen und Norden ausgeweitet hat. Es gibt zahlreiche Publikationen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen (u.a. DOBROWOLSKI & NOWAK 1965, FLADE et al. 1986, ISENMANN 1987, VALERA et al. 1990, SCHÖNFELD 1994, KINZELBACH 2002).
Die Veröffentlichungen beziehen sich meist auf kleinere Gebiete oder Zeiträume und ihre Anzahl macht es schwierig, einen Überblick zu erlangen. Zusammenfassende Arbeiten zur Verbreitung der Beutelmeise, wie die von SCHÖNFELD (1994), sind dagegen in den Einzelheiten der raumzeitlichen Verteilung grob ungenau (KINZELBACH 2002).
Die vorliegende Arbeit soll die Situation verbessern und einen Überblick über die vorhandenen Daten zur Verbreitung der Beutelmeise schaffen. Dazu sollte die Ausbreitung der Beutelmeise großräumig möglichst genau erfasst, kartiert und ausgewertet werden. Um ein derartiges Ausmaß an Informationen (siehe 4.1) zu erfassen und auswertbar zu machen, bietet sich eine digitale Datenbank an. Aus diesem Grund widmet sich ein großer Teil dieser Arbeit der Entwicklung und Erstellung einer dem Problem angepassten Datenbank.

Für den Entwurf der Datenbank war zunächst notwendig, die später zu verwaltenden Informationen zu bewerten und zu homogenisieren. Erst danach wurde eine digitale Auswertung möglich.
Ein weiteres Ziel war es, diese Daten nicht nur zu sammeln, sondern auch leicht zugänglich zu machen und damit ein Recherche-Werkzeug zu schaffen. Dieses Werkzeug erlaubt es auch Datenbankunkundigen, Informationen zum Thema zu gewinnen. Angestrebt wurden interaktive Karten, die eine direkte Recherche per Mausklick auf der Karte ermöglichen. Die dafür entwickelte Datenbankanwendung wird in Kapitel 3 näher erläutert.

Die Auswertungsmöglichkeiten, die sich durch eine Datenbankerfassung eröffnen, sollten genutzt werden, um die Arealdynamik zu analysieren und eventuelle Ursachen zu untersuchen. In den Kapiteln 4 und 5 werden diese Aufgaben behandelt.

Die angestrebte Datenbank soll in Zukunft ein Hilfsmittel bilden, um eine genauere Auswertung von Daten zu ermöglichen. Sie soll außerdem einen Anfang machen zukünftig bekannten Informationen umfassend digital auszuwerten. Dazu gehören auch die Möglichkeit der Verfolgung von Zugwegen, von einzelnen Individuen anhand ihrer Ringnummern und die statistische Auswertung von Brutverhalten und Präferenzen. Der Datenbestand kann dabei laufend mit neuen Informationen aktualisiert werden.

Die Datenbank, die auch für den Einsatz im Internet entwickelt wurde, ist dabei nicht auf die Erfassung der Beutelmeise beschränkt. Durch kleine Programmerweiterungen eröffnet sie die Möglichkeit, das Monitoring von verschiedensten Arten, u. a. von Neozoen, einfach zu realisieren. Durch eine Internet-Basis ist eine weltweite Datensammlung denkbar, auch eine regelmäßige automatische Auswertung ist leicht umzusetzen.