Die Beutelmeise - Remiz pendulinus (L. 1758)

Die Beutelmeise ist seit dem 13. Jahrhundert unter verschiedenen Namen bekannt. Damals wurde ein Nest des Tieres zum ersten Mal von ALBERTUS MAGNUS (1280) beschrieben (STADLER 1921). Es stammte vermutlich aus der Nähe von Köln und wurde im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts gefunden (KINZELBACH 2002). Bis zur Erstbeschreibung der Art durch LINNAEUS (1758), wurde der Vogel häufig in der Literatur erwähnt, wenn auch ohne genaue Fundorte oder Daten. Von TITIUS (1755) ist zu erfahren, dass die Beutelmeise zu seiner Zeit ein weit verbreiteter und stellenweise recht häufiger Brutvogel war. Heute ist die gesamte Verbreitung der Beutelmeise mit ihren Unterarten gut untersucht und dokumentiert. So erstreckt sich die Besiedlung über fast den gesamten eurasischen Kontinent, zwischen dem 55. und dem 35. Breitengrad (WÜST 1986).



Systematik

Die Beutelmeise wurde als erstes von LINNAEUS als Parus pendulinus beschrieben. In der folgenden Zeit wechselte der Gattungsname mehrfach und der Vogel wurde unter den Gattungsnamen Aegithalus und Anthoscopus geführt.

Den Namen Remiz hat JAROCKI 1819 eingeführt, seit 1921 wird er angewendet. Heute wird die Familie der Remizidae unter den Passeriformes geführt. Sie umfasst vier Gattungen: Anthoscopus (Schließbeutelmeisen, Verbreitung in Afrika), Auriparus (Goldkopfmeisen, Verbreitung in Nordamerika), Cephalopyrus (Flammenstirnchen, Verbreitung im asiatischen Raum) und Remiz, die Beutelmeisen im engeren Sinn. Aufgrund der Verteilung kann man ausschließen, dass in dem untersuchten Gebiet andere Arten als die der Gattung Remiz auftreten.

Die Gattung Remiz unterteilt man heute in mehrere Gruppen, Arten und Unterarten. Sie konnten aufgrund von Vermischung, Hybridisierung und infraspezifischer Variation noch nicht eindeutig abgegrenzt werden (SCHÖNFELD 1994). Es werden unter anderem die Unterarten Remiz pendulinus pendulinus, R .p. caspius, R. p. jaxarticus, R. p. menzbieri und R. p. macronyx unterschieden. Die Verbreitung der Unterarten ist gut erforscht und dokumentiert. Die für den untersuchten Raum wichtige Unterart ist Remiz pendulinus pendulinus (Abbildung 1)

Verbreitung nach VAURIE (1950)
Abbildung 1: Verbreitung der Beutelmeisen der Gattung Remiz. A: R. p. pendulinus, B: R .p. persimilis, C: R. p. caspius, D: R. p. jaxarticus, E: R. p. coronatus, F: R. p. stoliczkae, G: R. p. consobrinus, H: R .p. macronyx, I: R. p. neglectus, J: R. p. nigricans. Nach VAURIE (1950).



Charakteristika
Abbildung 2: Beutelmeise, Remiz pendulinus, am Nest. Am 28. April 2002 bei Kopenhagen aufgenommen. (Foto: Steffen Ortmann)

Beutelmeisen sind kleine bis sehr kleine Vögel, die sich durch einen spitzen, geraden Schnabel und artspezifische Fortbewegungsmuster auszeichnen. Charakteristisch ist der Bau eines beutelförmigen Nestes (Abbildung 2), das namensgebend für die Art ist. Die Färbung der Tiere ist leicht von anderen Meisenarten zu unterscheiden, so dass Verwechslungen selten sind. Verwechslungen mit Bart- und Schwanzmeisen kamen früher vor, da beide Arten verlassene Nester von Beutelmeisen weiternutzen und eine gewisse Ähnlichkeit mit ihnen aufweisen. Bei genauerer Betrachtung lassen sich die Vögel aber gut unterscheiden.

Bei der Färbung des Federkleids unterscheidet man das farben- und kontrastreiche Brutkleid und das weniger auffällige Ruhekleid. In beiden ist das Grundmuster das gleiche: An der Stirn und den Kopfseiten ist eine schwarze Maske ausgebildet, die nach oben hin in ein rotbraunes, schmales Band oder rotbraune Flecken übergeht. Die Kopfplatte selbst ist hell, gräulich gefärbt. Der Schnabel ist oben schwarz, unten hellgrau. Die Federn von Rücken und Flügeln variieren in den Farbtönen von kastanienbraun am Vorderrücken, über schwärzliche und graubraune Töne in den Schwingen und Steuerfedern, die in helle Farben an den Außenfahnen übergehen. Die Unterseite und die Flanken sind in verschiedenen Schattierungen von schmutzigweiß bis beige gefärbt. (SCHÖNFELD 1994)



Jahreszeitliches Auftreten

Beutelmeisen sind Kurzstreckenzieher, deren Überwinterungsquartiere im Mittelmeerraum zu finden sind. Ihre Überwinterungsgebiete stimmen in etwa mit den bereits erwähnten Arealkernen überein.

Je nach Gebiet treffen sie von Mitte März bis Ende April in ihren Brutgebieten in Mitteleuropa ein. Bei diesen handelt es sich um Niederungen entlang an Flusstälern und Seen, die eine gewisse Dichte an Pflanzenbewuchs aufweisen. Bevorzugt werden Uferbereiche, die nicht zu dicht bewaldet sind, aber passende Brutbäume haben und Material zum Nestbau bieten. Bereits im Vorjahr besiedelte Gebiete werden dabei gern wieder aufgesucht. Alte Nester werden nicht wieder bezogen, höchstens als Baumaterial verwendet. Ein Teil der Brutvögel trifft bereits verpaart ein. Nach der Wahl des Nistplatzes kommt es dann ohne Verzögerung zum Nestbau durch das Weibchen allein oder beide Alttiere.

Unverpaarte Männchen beginnen zunächst allein mit dem Nestbau und versuchen durch Gesang unverpaarte Weibchen anzulocken. Falls das Männchen bis zum Neststadium des Henkelkorbs noch kein Weibchen gefunden hat, verlässt es das unvollendete Nest, zieht weiter und beginnt an anderer Stelle den Prozess erneut. Während der gesamten Nestbauphase verhalten sich die Tiere sehr auffällig.

Der Nestbau dauert im Allgemeinen um die drei Wochen. Die Eiablage von durchschnittlich vier Eiern beginnt bereits, wenn das Nest noch nicht vollständig ist. Die Brutdauer beträgt zirka zwei Wochen, wobei meistens das Weibchen das Brutgeschäft übernimmt und das Männchen vertreibt. Das Männchen baut dann an anderer Stelle ein weiteres Nest und sucht nach einem neuen Weibchen.

Abbildung 3: Zusammenfassung der Jahreszyklen der Beutelmeise (Remiz pendulinus) in Baden Württemberg. Schwarze Balken = Hauptphasen, schraffierte Balken = Nebenphasen. Nach HÖLZINGER (1997).



Die geschlüpften Jungen brauchen etwa drei Wochen, um flügge zu werden, danach werden sie noch ein bis zwei Wochen von einem Elternteil gefüttert. Auch selbständig kehren die Jungen noch eine Zeit lang (maximal 3 Wochen) zum Übernachten zum Nest zurück. Es erfolgen ein bis zwei Jahresbruten, je nachdem wie schnell die erste Brut abgeschlossen ist. Die Zweitbrut muss nicht unbedingt mit dem Erstpartner erfolgen. Die gesamte Brutperiode ist im August meist abgeschlossen. Danach erfolgt der Wegzug. (Abbildung 3)

Das gesamte Fortpflanzungsverhalten der Beutelmeise ist sehr kompliziert und variabel, deshalb sollte hier nur ein kurzer Abriss gegeben werden. Details zu Nistplatzpräferenzen, Nestbau, Fortpflanzungsverhalten und Bruterfolg können zum Beispiel bei FRANZ & THEISS (1983) und SCHÖNFELD (1994) gefunden werden.

Wichtig für die Auswertung sind die Auffälligkeit der Tiere während der Nestbauzeit und der Fakt, dass der Erfolg der Brut ganz erheblich vom Wetter abhängt. Bei schlechtem Wetter verzögert sich der Nestbau, es kann sogar zur Nestaufgabe kommen. Der Bruterfolg wird im Ganzen unwahrscheinlicher. Durch Verzögerung ist eine Zweitbrut selten erfolgreich. Entsprechend kann schlechtes Wetter auf die Ausbreitung einwirken.